200. Geburtstag

„Gefühl von weltweiter Solidarität“ – Wittener Bahá’í feiern 200. Geburtstag ihres Religionsstifters

Witten, September 2017 - Vor 200 Jahren wurde der Stifter der jüngsten Weltreligion geboren. In diesem Herbst begehen mehr als sieben Millionen Bahá‘í weltweit sein Jubiläum.

Mehr als sieben Millionen Bahá‘í weltweit begehen im Herbst ein besonderes Ereignis vor. Am Wochenende des 21./22. Oktober 2017 feiern sie in rund 100.000 Orten in allen Ländern der Welt den 200. Geburtstag ihres Religionsstifters, Bahá’u’lláh (dt. „Herrlichkeit Gottes“, 1817-1992).

Die über 6000 Bahá’í in Deutschland begehen in allen Teilen des Landes dieses Jubiläum. Gemeinsam mit ihren Familien, Freunden, Nachbarn und Kollegen erinnern die Bahá’í anlässlich dieses Feiertages daran, welche Rolle das Leben und die Lehren Bahá’u’lláhs im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft spielen.

Auch die Bahá’í-Gemeinde Witten lädt alle Bürger herzlich ein, mit ihr dieses besondere Ereignis zu feiern und seine Lehren und die Bahá’í-Gemeinde näher kennenzulernen.

 

Bahá’u’lláh wurde 1817 in Teheran als Sohn eines Ministers geboren. Die ihm offenstehenden Ämter lehnte er ab und entschied sich stattdessen, sich den Belangen der weniger Privilegierten zu widmen, weshalb er bereits in jungen Jahren als „Vater der Armen“ bekannt wurde. Die von Bahá’u’lláh gestiftete Bahá’í-Religion stellt das jüngste Glied in der Reihe der Weltreligionen dar. Ihre Lehren gehen davon aus, dass die ganze Menschheit eine Einheit in der Vielfalt bildet. Nur durch eine an dieser Einheit orientierte geistig-spirituelle Ausrichtung des Einzelnen lässt sich verhindern, dass sich die Menschheit auseinanderentwickelt und den Weltfrieden weiter gefährdet.

Mit den bevorstehenden Feierlichkeiten würdigt die Bahá’í-Gemeinde nicht nur den 200. Geburtstag Bahá’u’lláhs am 22. Oktober, sondern auch seinen Vorläufer, den Báb (dt. „das Tor“, 1819-1850), dessen Geburtstag auf den 21. Oktober fällt.

Tausende von Zusammenkünften, Feiern, soziale Projekte und künstlerische Aktionen, die das Leben Bahá’u’lláhs und seine einzigartige Mission in vielfältiger und kreativer Weise würdigen, zeugen von der weltweiten Dimension des Jubiläums. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, religiösen Hintergrunds und Nationalität kommen zusammen, um zu erkunden, wie sie gemeinsam Bahá’u’lláhs Prinzipien der Einheit der Menschheit, des Friedens und der Gerechtigkeit fördern und in die Gesellschaft hineintragen können.

Stimmen aus der Wittener Gemeinede: „Das Gefühl gemeinsamen Erlebens und weltweiter Solidarität wird ein außergewöhnliches Merkmal der Feiern sein. In einer Zeit, in der Religion kritisch und teilweise abwertend betrachtet wird, soll das Jubiläum auch eine Gelegenheit bieten, über die positiven Auswirkungen zu sprechen, die Religion auf die Gesellschaft hat und wie sie Impulse geben kann, die Zukunft mitzugestalten. Dazu gehört auch, dass die Menschen verschiedener Glaubensrichtungen nicht aufgeben, im offenen und ehrlichen Dialog und in Interaktion miteinander zu stehen“, sagt Jochen.

„Heute benötigen wir mehr denn je positive Modelle des gesellschaftlichen Wandels, die die Menschen zusammenführen anstatt sie einander zu entfremden“, sagt Jochen Kowalski, ein Mitglied der Wittener Gemeinde.

Der Báb – das Tor

Im Jahr 1844 erhob der Báb (dt.: „Das Tor“, 1819-1850) den Anspruch, Stifter einer neuen Religion zu sein. Er brach mit alten islamischen Traditionen. Er forderte u.a. mehr Frauenrechte, Schulbildung für alle und stellte die Rolle des Klerus in Frage. Zudem betonte er die Einheit der Religionen sowie ihre aufeinander bauende Natur. Der Báb erklärte, Vorbote eines neuen Zeitalters der Gerechtigkeit zu sein. Durch seinen Bruch mit alten Traditionen bahnte der Báb den Weg für eine neue göttliche Botschaft. Bahá’u’lláh beanspruchte im Jahr 1963, dieser Bote Gottes zu sein.

Bahá’u’lláh – Stifter der Bahá’i-Religion

Bahá’u’lláh bedeutet „Herr der Herrlichkeit“. In ihm sehen die Bahá’í jene Person auf die der Báb in seiner Sendung hinwies. Bahá’u’lláh brachte den Menschen eine neue Botschaft von Gott, die der ganzen Menschheit den Weg zeigt, global in Frieden zusammen zu leben. – eine Botschaft, die der Menschheit verhilft in einer global in Frieden lebenden Welt zusammen zu leben.

In tausenden Versen, Büchern und Schriftbänden offenbarte Bahá’u’lláh einen Wegweiser, der die Menschheit dabei unterstützt, den heutigen gesellschaftlichen großen Herausforderungen auf dem Weg zu einer Einheit der Menschheit zu begegnen und eine geistig-spirituell ausgerichtete Zivilisation und materiell blühende Gesellschaft aufzubauen.

Bahá’u’lláh zählte zunächst zu den Anhängern des Báb, bis er 1853 - bereits in Kerkerhaft in Teheran - durch eine Vision Seine Berufung als der vom Báb angekündigte göttliche Verheißene und Erneuerer der Religion erfuhr. Kurz danach begannen vierzig Jahre des Exil, der Gefangenschaft und Verfolgung. Von Persien aus führte sein Verbannungsweg über Bagdad, Konstantinopel, über den Bosporus nach Adrianopel auf den europäischen Kontinent und schließlich nach ´Akká an der Bucht von Haifa im Heiligen Land, der letzten Station Seines Wirkens.

Bahá’u’lláh richtete Sendschreiben an die Herrscher der damaligen Zeit, darunter der deutsche Kaiser Wilhelm I., und rief sie auf, für die Vereinigung des Menschengeschlechts zu wirken. Sein Ruf stieß bei den Monarchen des 19. Jahrhunderts auf taube Ohren. Seine Botschaft verbreitete sich jedoch in allen Ländern und prägt heute das Bewusstsein von Millionen Menschen aus mehr als 2100 Ethnien, aus allen Kulturen und Nationen der Erde.

Was hat Bahá’u’lláh gelehrt?

• Gottesbild
Nach den Bahá’í-Lehren gibt es nur einen Gott. In den jeweiligen Kulturen und Religionen werden ihm lediglich verschiedene Namen und Eigenschaften zugeschrieben. Bahá’u’lláh erklärt, dass das Wesen Gottes nicht beschreibbar oder fassbar ist. Der Mensch ist Geschöpf, und das Geschöpf vermag seinen Schöpfer nicht zu erkennen. Obwohl das Wesen Gottes dem Menschen verborgen bleibt, kann er durch seine Sinne und geistig-spirituellen Kräfte Einblick in göttliche Eigenschaften erlangen. Diese zeigen sich als Zeichen Gottes überall in der Schöpfung, so auch in der Natur oder in den Eigenschaften von Menschen, wenngleich in unvollkommener Weise.

• Die Rolle der Gottesoffenbarer
Durch die Gottesoffenbarer findet der Mensch Zugang zu Gott. Moses, Buddha, Christus, Muhammad oder Bahá’u’lláh gehören zu diesen Boten. Sie können mit reinen Spiegeln verglichen werden, die das Licht der Sonne Gottes widerspiegeln und seine Botschaft verkünden. Die Lehren, die den Gottesboten vermitteln, helfen dem Menschen, Gottes Willen und seine Eigenschaften wie Liebe, Barmherzigkeit, Macht oder Gerechtigkeit, zu erkennen.

• Einheit der Menschheit
Das Thema „Einheit“ bildet den Kern aller Bahá’í-Lehren; ihr Ziel ist, die Einheit der Menschheit zu verwirklichen. Die lange Entwicklungsgeschichte brachte eine überwältigende menschliche Vielfalt hervor. Doch trotz dieser Unterschiede gehören alle zur menschlichen Familie. Die Bahá’í-Schriften betonen, dass Vielfalt einen großen Schatz darstellt. Verschiedenheit rechtfertigt weder Überheblichkeit, noch Streit oder gar Krieg – im Gegenteil: Vielfalt ist eine Quelle der Freude.

• Einheit der Religionen
Bahá’u’lláh betont die Einheit der Religionen. Demnach stammen alle Religionen vom selben Gott. Bahá’u’lláh erklärt, dass alle Religionsstifter die gleichen, ewigen Grundwahrheiten verkünden, doch verkündet auch jeder Gottesoffenbarer neue Lehren, die den Umständen, Bedürfnissen und Nöten der jeweiligen Zeit entsprechen. Jede Religion bringt der Menschheit neue Impulse und fördert ihre weitere Entwicklung. Dementsprechend bauen die Lehren der Gottesoffenbarer aufeinander auf. Das Ziel aller Religionen ist, „eine ständig fortschreitende Kultur voranzutragen“. Die Bahá’í glauben, dass nach Bahá’u’lláh nach Ablauf einer großen Zeitspanne auch weitere Gottesoffenbarer erscheinen werden.

• Frei sein von Vorurteilen
Die Bahá’i-Schriften fordern den Abbau von Vorurteilen und betonen, dass alle Menschen „aus dem gleichen Staub“ erschaffen wurden, „damit sich keiner über den anderen erhebe“.
Zitate aus den Heiligen Schriften der Bahá’í:
„Eine andere Lehre Bahá’u’lláhs ist, dass religiöse, rassische, politische, wirtschaftliche und vaterländische Vorurteile den Bau der Menschheit zerstören. Solange diese Vorurteile herrschen, wird die Menschenwelt keine Ruhe finden.“
„Das politische Vorurteil es ebenso verderblich. Es ist eine der größten Ursachen bitteren Streites unter den Menschenkindern. Es gibt Menschen, die sich freuen, wie sie Zwietracht stiften, die sich dauern bemühen, ihr Land in den Krieg mit anderen Nationen zu hetzen. Und warum? Sie vermeinen, ihrem eigenen Land zum Nachteil aller übrigen einen Vorteil zu verschaffen.“
„Vorurteil jeglicher Art zerstören des Menschen Glück und Wohl. Solange sie nicht ausgeräumt sind, ist der Fortschritt der Menschheit nicht möglich.“

• Die Natur des Menschen
Nach den Bahá’í-Lehren ist der Sinn unseres Lebens, Gott zu erkennen und Ihm nahe zu kommen. Wir erkennen Gott durch Seine Offenbarer und finden die Nähe zu Ihm, indem wir unser Leben nach ihren Lehren ausrichten.
Unsere wahre Identität verbirgt sich in der vernunftbegabten Seele. Sie entsteht im Moment der Zeugung und bildet für die Dauer des diesseitigen Lebens eine Einheit mit unserem Körper. Freier Wille und Verstandeskraft befähigen uns dazu, uns selbst und unseren eigenen und den Fortschritt der Gesellschaft voranzutragen. Dafür ist eine Haltung des Dienstes gegenüber Gott und unseren Mitmenschen notwendig. Wir entwickeln uns in dieser Welt weiter bis zum Moment des Todes, in dem sich die Seele vom Körper löst und die ewige Reise zu ihrer weiteren Vervollkommnung fortsetzt.

Ursprung der Bahá’í-Religion

Die Bahá’í-Religion ist eine sich schnell ausbreitende Weltreligion, entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts im heutigen Iran. Hinter dem Christentum liegt sie an zweiter Stelle in der globalen geographischen Ausbreitung. Die Bahá’í-Gemeinschaft stellt ein Abbild menschlicher Vielfalt dar. Sie setzt sich aus ca. 7,5 Millionen Gläubigen weltweit zusammen, die in mehr als 100.000 Orten leben und über 2100 verschiedene ethnische Gruppen repräsentieren.

Die Bahá’í-Gemeinde in Deutschland

Die Geschichte der deutschen Bahá’í-Gemeinde nahm vor über 100 Jahren ihren Anfang, als 1905 der erste Bahá’í nach Deutschland kam. Für die frühen deutschen Gläubigen war die Begegnung mit `Abdu’l-Bahá, dem Sohn Bahá’u’lláhs, der 1913 Stuttgart besuchte, ein großer Impuls. So entfaltete sich eine lebendige Gemeinde und seither engagieren sich Bahá’í hierzulande für Verständigung und Zusammenhalt in der Gesellschaft. Ihr Glaube motiviert sie, sich für Projekte einzusetzen, deren Ziel es ist, Vorurteile zu überwinden und geistige, kulturelle wie soziale Entwicklung zu fördern. Ihre Inspiration beziehen sie dabei aus den Schriften und Lehren Bahá’u’lláhs.

Heilige Schriften

Bahá’u’lláh verfasste über 15.000 Schriftstücke, Sendbriefe und Bücher in arabischer und persischer Sprache, die weitgehend im Originaltext erhalten sind. Dieses umfangreiche Schrifttum enthält unter anderem Gebete, mystische Werke, Auslegungen anderer heiliger Bücher, Gesetze und Verordnungen, Schriften mit Bezug auf weltpolitische Fragen und verschiedene Wissenschaften sowie ethische Grundsätze, als Grundlage für persönlichen und gesellschaftlichen Wandel.

Andacht

Das Gebet und das Lesen von Heiligen Schriften gehören zum Alltag vieler religiöser Menschen. Im persönlichen Gespräch mit Gott wird Dank ausgedrückt oder um Beistand und Führung gebeten. Bahá’í beten gemeinsam mit ihren Freunden, Bekannten und Nachbarn – unabhängig von ihrem religiösen Hintergrund – in Gemeindezentren oder privaten Wohnstätten. Bei diesen Andachtsversammlungen werden Texte aus den Heiligen Schriften der Bahá’í-Religion und anderer Religionen gelesen und rezitiert, oft gehört auch Musik zur Andacht. Das gemeinsame Beten und Zusammensein bei einer Andacht verbindet Menschen auf eine geistige Art und Weise. Die aus den heiligen Texten gewonnene Inspiration kann im Handeln ihren Ausdruck finden – sei es als Dienst am Nächsten, oder als gemeinschaftliches Handeln für das Wohl der Gesellschaft.

An der Besserung der Welt mitwirken

Bahá’u’lláh sieht die ganze Menschheit als eine Einheit und einen einzigen, unteilbaren Organismus. Mit dieser Vision engagieren sich Bahá’í gemeinsam mit ihren Freunden und zahlreichen Menschen aus ihrem Umfeld dafür, die Einheit der Menschheit in ihrer Vielfalt in kleinen Schritten sichtbar werden zu lassen. Bahá’u’lláh erläutert in Seinen Schriften dazu wesentliche Aspekte, wie die eigenständige Suche nach Wahrheit, die Gleichberechtigung von Frau und Mann, den Abbau von Vorurteilen, die Stärkung der Einheit in der Familie oder den offenen Meinungsaustausch.

Wittener Bahá’í erhalten neues Zentrum

 

Witten. Zum 1. November eröffnet das erste religiöse Zentrum der Bahá’í in Witten. Das Ehepaar Böller-Hesse erklärt, was der Glaube für sie bedeutet.

Lesen Sie den vollständigen Presse-Artikel in der WAZ-Online vom 24.10.2017:

Wittener Bahá’í erhalten neues Zentrum

BWNS - Übersetzung des Artikels „Rethinking religion in Germany“

BERLIN, 13. April 2017, Bahá’í World News Service (BWNS) – Mit der erhöhten Bewegung von geflüchteten Menschen aus dem Nahen Osten und Nordafrika in den letzten Jahren nimmt man eine Veränderung der kulturellen und religiösen Landschaft in Deutschland wahr. Diese Verschiebungen regen tiefgreifende Reflexionsprozesse über grundlegende Themen an.

„Meinungsbildner in Deutschland stellen sich fundamentale Fragen, besonders über Religion und deren Ausdruck im öffentlichen Raum“, erklärt Saba Detweiler, eine Vertreterin der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland.

Diese Fragen sind nicht nur auf Deutschland begrenzt. Die jahrhundertalte Annahme, dass Religion sich langsam aus dem öffentlichen Raum drängen lassen würde und damit reine Privatsache sei, wird gerade in Europa auf den Kopf gestellt. „Die Menschen sehen, dass Religion einen wesentlichen Teil des kollektiven Lebens der Menschheit ausmacht. Sie verschwindet nicht. Aus diesem Grund ist es wichtig, das Wesen und den Beitrag von Religion besser zu verstehen sowie in einen Dialog über ihre positiven Auswirkungen auf die Gesellschaft einzutreten“, erklärt Frau Detweiler.

Dennoch stellte die Bahá’í-Gemeinde auch fest, dass klassische Räume, in welchen über Religion gesprochen wird – in erster Linie interreligiöse Foren – oft nicht nach den derzeitigen aufkeimenden Fragen in Europa und andernorts zu diesem Thema ausgerichtet sind. „Es scheint, als ob das Gespräch über den interreligiösen Dialog hinaus gehen sollte, jenseits von Theologie und Ritualen, um einen reichhaltigeren Diskurs über den Beitrag von Religion zur Besserung der Gesellschaft und zum Gemeinwohl zu ermöglichen“, sagt Frau Detweiler.

Eine der mehr herausfordernden Fragen ist, ob Religion als etwas Übergeordnetes gesehen werden kann, anstatt als eine bloße Aneinanderreihung unterschiedlicher Gemeinschaften und Konfessionen, die miteinander ringen. „Diesen Punkt möchten wir gerne weiter erforschen – die Idee, dass Religion als eine gesellschaftsbildende Kraft und als ein Wissenssystem, das zusammen mit der Wissenschaft den Fortschritt der Zivilisation voranbringt“, fährt sie fort.

Einer der Gründe, weswegen die deutsche Gesellschaft mit den Fragen um Religion ringt, erklärt Ingo Hofmann, Sprecher der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland, ist, dass Deutsche derzeit einer Ausübung von Religion begegnen, die ihnen fremd ist. Dies hat dazu geführt, dass sie sich nun über ihre eigenen religiösen Normen und ihren eigenen Glauben bewusster sind, sogar unter denen, die sich sonst normalerweise nicht so stark formal mit Religion assoziieren.

Natürlicherweise hat dieser Prozess Neugierde geweckt und den Wunsch, gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Ebenso sind aber auch Ängste und Xenophobie aufgekommen. Mit der zunehmenden Dynamik des Diskurses um Migration und Religion hat die Bahá’í-Gemeinde in Deutschland angefangen, Seite an Seite mit ihren Mitbürgern und diversen Organisationen darüber zu lernen, wie man einen konstruktiven Dialog zu den aufkommenden Fragen in einer sich veränderten Diskurslandschaft im Land etabliert.

Mit der Absicht, einen bedeutsamen Beitrag zu leisten, hat die Bahá’í-Gemeinde im vergangenen Jahr eine Gesprächsreihe zur Frage nach der gesellschaftsbildenden Kraft von Religion veranstaltet. Diese gipfelte in einer Konferenz am 24. März mit dem Titel „Religionspluralismus weiter gedacht“, zu welcher ca. 60 Teilnehmer aus Regierung, Zivilgesellschaft, Medien und Religionsgemeinschaften zusammenkamen.

Aydan Özoguz, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, war Schirmherrin der Konferenz. Ausgerichtet wurde sie von der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland und der Bildungsstätte Anne Frank, einer Organisation für Menschenrechtsbildung und die Förderung des Dialogs zwischen verschiedenen Gruppen.

In ihrem Grußwort sprach Frau Özoguz darüber, dass allen Religionen gemeinsames Bemühen um Frieden und Harmonie zugrunde liegt. „Religion formt das Vertrauen in unsere Mitmenschen und die Möglichkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen“, sagte sie.

Sie hob auch die hilfsbereite und mitfühlende Reaktion vieler Deutscher auf die Ankunft von Flüchtlingen im Sommer 2015 als Beispiel hervor, wie der Glaube Taten und den Dienst am Nächsten beflügele. „Sich dem Wohlbefinden unserer Mitmenschen zu verschreiben, ist wesentlich, um Solidarität und ein starkes Gefühl von Gemeinschaft aufzubauen.“  

Özoguz zitierte in ihrer Ansprache auch einen Ausschnitt aus den Schriften Bahá’u’lláhs als Beispiel für die Aufforderung von Religion an die Menschheit, sich an hohe Ideale zu halten: „Verkehret mit allen Religionen in Herzlichkeit und Eintracht, auf dass sie Gottes süße Düfte von euch einatmen. Hütet euch, dass euch im Umgang mit den Menschen nicht die Hitze törichter Unwissenheit übermanne.“  

Saba Detweiler sprach im Namen der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland vom „Kern aller Religionen, Menschen in Frieden zusammen zu bringen. Dies ist eine Facette wahrer Religion.“

Die Beziehung verschiedener Gruppen und sogar zwischen Nachbarn sei oft oberflächlich. Eine radikale Neukonzeptionierung zwischenmenschlicher Beziehungen, in denen sich Menschen als Teil einer Familie ansehen und sich mit Respekt, Mitgefühl und Verständnis betrachten, sei vonnöten.

Kernstück der Konferenz war die Idee, dass die Rolle von Religion in der Gesellschaft tiefgreifender untersucht und besser verstanden werden muss, da Religion für die Mehrheit der Menschheit eine bedeutende Rolle spielt. Die Botschaft war jedoch keinesfalls nur eine Aufforderung, Religion als konstruktive Kraft in der Gesellschaft anzusehen. Sie sei auch eine Herausforderung: Wenn Religion zu sozialem Miteinander und stärkerer Freundschaft zwischen Menschen führen soll, müssen sich religiöse Führer und Gemeinden gründlich mit solchen Aspekten des Glaubens und seiner Ausübung beschäftigen, die spalten und Vorurteile schüren. Wenn die Rolle der Religion dabei eine immer stärkere positive Kraft für Harmonie in der Gesellschaft werden soll, müssen soziale Einrichtungen ihr Verhältnis zu Religion neu gestalten und viele der hinderlichen Annahmen loslassen, die der Religion wenig bis keinen Spielraum lassen, um in der Öffentlichkeit eine Rolle zu spielen.  

Auch andere wichtige Themen wurden im Verlauf des Tages diskutiert. So sprach Daniel Bax, Redakteur der deutschen Tageszeitung, die Taz von der Wichtigkeit des Dialogs, welcher die Wahrnehmung des Zusammenpralls zwischen Identität und Glaube zerstreue.

„Keiner streitet ab, dass Religion einen Einfluss auf Kultur hat”, sagte er. “Heutzutage wird dieser Begriff des Einflusses missbraucht. Kultur wird fälschlich als etwas Statisches und auf bestimmte Merkmale Beschränktes angesehen.“

Bax stellte diese Sicht von Kultur und ihr Verhältnis zu Identität in Frage. Die Identität von Menschen habe verschiedene Dimensionen.  

„Dieses wahrgenommene Aufeinanderprallen verschiedener Meinungen, Kulturen etc. muss durch Dialog überwunden werden, um zu einem Verständnis darüber zu gelangen, wie wir in unserer Vielfalt harmonisch zusammenleben können. Menschen werden nicht nur durch ihre Religionszugehörigkeit, sondern durch viele weitere Merkmale, Qualitäten und Talente, die zum Gemeinwohl beitragen können, definiert. Das Konzept des ‚anderen‘ muss in Frage gestellt werden. Es kann nicht sein, dass ein Mensch, allein weil er oder sie eine andere Religion hat, zum ‚anderen‘ wird.“

Eine solche Einstellung könne zu der Vorstellung führen, dass „andere” „Feinde” sind.

Prof. Heiner Bielefeldt, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter über Religions- und Weltanschauungsfreiheit und Professor an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, trug ebenfalls zur Konferenz bei.  

„Wir brauchen Räume, um uns immer wieder auf Religions- und Glaubensfreiheit zu besinnen und unser Verständnis zu erweitern. Dies erreicht man nicht, indem man zunächst alle in Gruppen aufteilt und dann versucht, Brücken zwischen ihnen zu schlagen, sondern indem man offene Strukturen schafft, in denen durchaus Unterschiede auftauchen, die jedoch aufgrund eines Themas von gemeinsamem Interesse entweder verschwinden, bereichern oder mindestens lösbar sind.“

Auf die Veranstaltung zurückblickend sagte Frau Detweiler:

„Unser Ziel war es, mit dieser Konferenz einen Raum für gesellschaftliche Akteure aus Wissenschaft, Medien, Zivilgesellschaft und Religionsgemeinschaften zu schaffen, um die Rolle von Religion in der Öffentlichkeit und ihre Beziehung zu gesellschaftlicher Kohäsion und Entwicklung in einer heterogenen Gesellschaft zu betrachten.“ Die Konferenz stehe für einen Schritt in einem kontinuierlichen Dialog, der in den nächsten Monaten und Jahren an Schwungkraft dazugewinnen müsse.

Auch in der Zukunft wollen die Bahá’í-Gemeinde in Deutschland und die Bildungsstätte Anne Frank zur Förderung dieses wichtigen Dialogs in der Gesellschaft zusammenarbeiten.

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