Gemeinsam für eine Kultur ohne Vorurteile

Statement des Bahá'í Frauen Forums gegen Sexismus und Rassismus

– anlässlich der Jubiläumstagung 20 Jahre BFF – 21.-22. Oktober 2016 –

Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und Traditionen stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen. Begreifen wir diese Situation als Chance! Sie kann der Beginn eines Prozesses sein, in dem alle - die Politik, gesellschaftliche Institutionen, aber auch jede_r Einzelne – gemeinsam daran arbeiten, eine neue Kultur zu entwickeln – eine Kultur der Vielfalt, in der letztlich alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft und Hautfarbe, Religion, Tradition und Überzeugung angstfrei leben und sich vorurteilsfrei, respektvoll, gleichberechtigt und gleichwürdig begegnen können.

Eine besonders problematische Herausforderung ist die Beseitigung von diskriminierenden Einstellungen und von Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

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Botschaft an einen Bahá'í zur Sozialpolitik vom 23. Dezember 2008

 

DAS UNIVERSALE HAUS DER GERECHTIGKEIT
SEKRETARIATSABTEILUNG
23. Dezember 2008

[An einen einzelnen Gläubigen]

Lieber Bahá'í-Freund,

Ihre E-Mail, in der Sie sich erkundigen, bis zu welchem Grad ein Bahá'í, insbesondere ein Sozialwissenschaftler oder Dozent, sich öffentlich über sozialpolitische Fragen äußern darf, hat das Universale Haus der Gerechtigkeit erhalten. Wir sind gebeten worden, Ihnen folgende Antwort zu übermitteln.

Selbstverständlich ist Ihnen das von Shoghi Effendi verkündete Prinzip der Nichteinmischung in Politik bekannt. Bahá'í sollen davon „Abstand nehmen, sei es durch Worte oder durch Taten, sich mit den politischen Zielen ihrer jeweiligen Länder, mit den politischen Bestrebungen ihrer Regierungen und den Machenschaften und Programmen von Parteien und Fraktionen zu assoziieren. Sie beschuldigen nicht, ergreifen niemandes Partei, unterstützen keine Pläne und identifizieren sich mit keinem System, das den besten Interessen des Glaubens zuwiderläuft und vermeiden das Gezänk und die Verstrickungen, die untrennbar sind von den Bestrebungen eines Politikers. Sie sollen sich erheben über jeglichen Partikularismus und Parteilichkeit, über leere Dispute, belanglose Berechnungen, über vorübergehende Leidenschaften, welche das Antlitz einer im Wandel begriffenen Welt erregen und ihre Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen.“ Dieses Prinzip, welches strikte Vermeidung von parteigebundener politischer Aktivität jeglicher Art verlangt, muss peinlich genau eingehalten werden. Da sich jedoch einerseits die Gesellschaft und ihre politischen Prozesse entwickeln und andererseits der Glaube wächst, wird die Wechselwirkung zwischen den beiden zunehmend komplexer. Das Haus der Gerechtigkeit wird im Laufe der Zeit die nötige Führung bereitstellen, um dieses Prinzip den jeweils vorherrschenden Umständen anzupassen.

Der Ausdruck Politik kann breitgefächerte Bedeutungen haben, und daher ist es wichtig zu unterscheiden zwischen parteipolitischer Aktivität und dem Diskurs und den Handlungen, die darauf ausgerichtet sind, konstruktiven gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. Ersteres wird verboten, Letzteres stark angeraten; in der Tat ist das Hauptanliegen der Bahá'í-Gemeinde der gesellschaftliche Wandel. 'Abdu'l-Bahás Abhandlung Das Geheimnis göttlicher Kultur zeigt sehr deutlich, wie sehr sich der Glaube dem Ziel verpflichtet fühlt, gesellschaftlichen Wandel zu fördern, ohne sich in die Arena der Parteipolitik zu begeben. Unzählige Passagen in den Bahá'í-Schriften ermutigen zudem die Gläubigen, zur Verbesserung der Welt beizutragen. Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, sagt Bahá'u'lláh, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen. 'Abdu'l-Bahá ermahnt die Freunde, sich in allen Tugenden der Menschenwelt hervorzutun durch Ergebenheit und Aufrichtigkeit, durch Gerechtigkeit und Treue, durch Festigkeit und Standhaftigkeit, durch philanthropische Taten und Dienst an der Menschenwelt, durch Liebe zu jedem Menschen, durch Einheit und Eintracht mit allen Menschen, durch ihre Anstrengungen, Vorurteile zu beseitigen und den Weltfrieden zu fördern.

Weiterhin erklärt Shoghi Effendi in einem Brief, der in seinem Auftrag geschrieben wurde: „Wie sehr sich die Freunde auch davor hüten müssen, den Anschein zu erwecken, dass sie oder der Glaube sich mit irgendeiner politischen Partei identifizieren, müssen sie sich doch auch vor dem anderen Extrem hüten, nämlich niemals mit anderen fortschrittlichen Gruppen bei Konferenzen oder Komitees zusammenzuarbeiten, welche die eine oder andere Aktivität fördern, die völlig im Einklang ist mit unseren Lehren.

In einem anderen in seinem Auftrag geschriebenen Brief aus dem Jahre 1948, als rassische Ungleichheit in vielen Staaten der USA gesetzlich festgelegt war, weist er darauf hin, dass überhaupt nichts dagegen spricht, dass Studenten an etwas teilnehmen, das dem Geist unserer Lehren offensichtlich so verwandt ist wie eine Campus-Demonstration gegen Rassenvorurteile. Daher müssen sich die Bahá'í unermüdlich, durch Wort und Tat, mit einer Anzahl sozialer Fragen befassen.

Als die Bahá'í-Gemeinde noch klein war, war ihr Beitrag zum sozialen Wohlergehen natürlicherweise begrenzt. 1983 verkündete das Haus der Gerechtigkeit, dass das Wachstum des Glaubens es notwendig gemacht habe, sich mehr mit dem Leben der Gesellschaft zu befassen. Die Bahá'í begannen, sich systematischer durch Aktivitäten unterschiedlicher Komplexität bei der Arbeit sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung einzubringen. Die Bemühungen, zum sozialen Wandel beizutragen, beinhalteten auch die Teilnahme am öffentlichen Diskurs über die Menschheit betreffende Themen, wie Frieden, das Ablegen von Vorurteilen aller Art, die geistige und moralische Befähigung der Jugend und das Fördern von Gerechtigkeit. Diese beiden Arten von Aktivitäten haben im Verlauf der letzten fünfundzwanzig Jahre ständig zugenommen und werden künftig an Umfang und Einfluss zunehmen.

Die organisierten Bemühungen der Bahá'í-Gemeinde auf diesen Gebieten werden verstärkt durch diverse Initiativen von Seiten einzelner Gläubiger, die auf verschiedenen Gebieten arbeiten als Freiwillige, Professionelle und Experten mit dem Ziel, zum gesellschaftlichen Wandel beizutragen. Was deren Arbeitsweise von anderen unterscheidet, ist, dass die Bahá'í Konflikte und Machtstreben vermeiden und sich zugleich bemühen, die Menschen zu einen auf der Suche nach den zugrundeliegenden moralischen und geistigen Prinzipien und nach praktischen Maßnahmen, die zu einer gerechten Lösung der Probleme führen, welche die Gesellschaft heimsuchen. Die Bahá'í sehen die Menschheit als einen einzigen Organismus.

Alle sind untrennbar miteinander verbunden.

Eine soziale Ordnung, die darauf abzielt, die Bedürfnisse einer Gruppe auf Kosten einer anderen zu befriedigen, hat Ungerechtigkeit und Unterdrückung zur Folge. Im Gegensatz dazu wird den besten Interessen eines jeden Teils Rechnung getragen, wenn man dessen Bedürfnisse im Licht des Wohlergehens des Ganzen sieht.

Eine Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs und Handeln wird manchmal erfordern, dass Bahá'í sich bei der Entwicklung von politischen Aktionsplänen einbringen. In diesem Zusammenhang hat das Wort politischer Aktionsplan, ebenso wie der Begriff Politik, eine breitgefächerte Bedeutung. Zwar werden Bahá'í sich zurückhalten, wenn es darum geht, Vorgehensweisen zu diskutieren, die sich auf politische Beziehungen zwischen Ländern beziehen oder auf parteipolitische Angelegenheiten innerhalb eines Landes; sie werden jedoch zweifellos ihren Teil beitragen zu der Formulierung und Umsetzung von politischen Entscheidungen, die sich mit bestimmten gesellschaftlichen Sorgen befassen. Beispiele solcher Anliegen sind die Wahrung der Rechte der Frauen, umfassende und effektive Bildung für alle Kinder, das Unterbinden der Verbreitung von ansteckenden Krankheiten, Schutz der Umwelt und Ausmerzung der Extreme von Armut und Reichtum.

Es ist daher offensichtlich, dass Sie als Bahá'í, der zugleich Politikwissenschaftler ist, eine große Bandbreite zur Verfügung haben, innerhalb derer Sie sich zu sozialen Angelegenheiten äußern können. Es ist jedoch auch möglich, bei der Erarbeitung und Anwendung von Wissen auf Ihrem Gebiet teilzunehmen und sich dabei mit Themen zu befassen, die ihrer Natur nach noch unmittelbarer politisch sind. Ohne Zweifel sind Sie sich des allgemeinen Rates bewusst, der im Namen des Hüters geschrieben wurde, dass eine Möglichkeit, die soziale und politische Ordnung der Zeit zu kritisieren, ohne dabei für oder gegen ein bestehendes Regime zu sprechen, darin besteht, eine eingehendere Analyse auf der Ebene politischer Theorie anzubieten, ohne sich über die Praxis der Politik zu äußern.

Ein anderer Weg könnte darin bestehen, mit Hilfe wissenschaftlicher Forschung die gegensätzlichen Standpunkte zu beleuchten, um ein gemeinsames Verständnis und effektive Lösungen zu finden, ohne dabei parteipolitischen Interessen und Verschleierung zu unterliegen. Bahá'u'lláh sagt: „Alles Politische, was ihr erörtert, fällt unter den Schatten eines der Worte, die vom Himmel Seiner ruhmreichen, Seiner erhabenen Rede herniedergesandt sind.“

Sie haben die Gelegenheit, die Edelsteine Seiner Offenbarung aus ihrem Bergwerk zu bergen und sie derart zu bearbeiten und zu präsentieren, dass sie denen, die neue Einsichten suchen, anziehend erscheinen. Auf die Dauer werden Sie lernen müssen, das Gleichgewicht zu finden zwischen den Prinzipien und Ideen, die Sie für wahr halten, die von den Lehren des Glaubens stammen, und solchen, die aus Ihren wissenschaftlichen Studien resultieren.

Ohne Zweifel werden Herausforderungen erstehen. So werden Sie zum Beispiel finden, dass ein Fragenkomplex, der sich mit sozialer Aktion befasst, auch Thema der politischen Debatte zwischen konkurrierenden Fraktionen geworden ist, und es bedarf der Weisheit, um zu bestimmen, ob Sie Ihre Vorgehensweise anpassen oder die Angelegenheit für eine Weile ruhen lassen wollen. In manchen Fällen mag es notwendig sein, Gelegenheiten vorbeigehen zu lassen, die Sie in eine politische Debatte verwickeln könnten oder die als Kritik an der Parteipolitik von Regierungen erscheinen mag.

In anderen Fällen könnte es besonders heikle Themen geben, wie z.B. solche, die mit Ländern zu tun haben, in denen die Bahá'í-Gemeinde Verfolgung und Unterdrückung erleidet, wobei Kommentare den Eindruck erwecken könnten, dass sich die Freunde an politischen Aktivitäten beteiligen, die den Interessen einer bestimmten Regierung entgegengesetzt sind. Diese gleichen Bedenken entstehen, wenn es darum geht, Einladungen der Medien zu beurteilen, die darum bitten, sich an Diskussionen über politische Tagesthemen zu beteiligen oder zu engagieren. Ihr Nationaler Geistiger Rat steht Ihnen zur Verfügung, um Ihnen dabei zu helfen, spezielle Fragen zu klären, falls diese Notwendigkeit auf Sie zukommt.

Seien sie der Gebete des Hauses der Gerechtigkeit an der Heiligen Schwelle versichert, dass Ihre Bemühungen, die Prinzipien des Glaubens in Ihren beruflichen Aktivitäten widerzuspiegeln, die Segnungen und Bestätigungen der Altehrwürdigen Schönheit anziehen mögen.

Mit liebevollen Bahá'í-Grüßen,
Sekretariatsabteilung

„Enough!“ (Genug!)

 

Am Samstag, den 14. Mai 2016 jährt sich zum 8. Mal die Inhaftierung der sieben „Yaran“, die zuvor als informelles Führungsgremium die Belange der iranischen Bahá’í-Gemeinde koordiniert hatten. Bahá’í-Gemeinden erinnern aus diesem Anlass überall an den aufopfernden Dienst, den die Yaran ihrem Land und der Menschheit widmeten und für den sie eine vollkommen ungerechte, lange Haftstrafe verbüßen müssen.

Der unermessliche und hingebungsvolle Dienst dieser sieben Freunde – Fariba Kamalabadi, Jamaloddin Khanjani, Afif Naeimi, Saeid Rezaie, Mahvash Sabet, Behrouz Tavakkoli und Vahid Tizfahm – wurde zum Jahrestag der Inhaftierung vor zwei Jahren in einem Brief des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 13. Mai 2014 an die Bahá’í im Iran wie folgt gewürdigt: „... ein weiteres Jahr ist vergangen, seit eine Gruppe Ihrer Mitgläubigen inhaftiert wurde – ergebene und loyale Bürger Ihres Landes, die es sich, obwohl man ihnen selbst die grundlegenden Menschenrechte vorenthält, zur Aufgabe gemacht hatten, ihre Gemeinde in ihren Angelegenheiten zu unterstützen, ihre Kinder zu erziehen, ihren von den Universitäten ausgeschlossenen Jugendlichen beizustehen, sich um die Alten zu kümmern und gemäß ihren eigenen geistigen Geboten zu leben – um so einen edlen Lebensstil zu fördern und zu helfen, eine dynamische Gesellschaft aufzubauen. Wegen dieser „Verbrechen“ wurden sie ins Gefängnis gesperrt. ...“

Wir rufen die Freunde auf, die Yaran in ihre Gebete mit einzuschließen und ihnen in der Zeit um diesen Jahrestag besondere Dienste zu widmen, die ihnen und zahllosen Freunden in der Wiege unseres Glaubens versagt bleiben.

Aus diesem Anlass wird die Bahá’í-Gemeinde weltweit in den sozialen Medien (Facebook und Twitter) gemeinsam mit ihren Freunden in einem Aktionstag mit dem Aufruf „Enough!“ (Genug!) ihre Stimme erheben und von der iranischen Führung die Freilassung der Yaran fordern. Die Freunde sind eingeladen, zu diesem Anlass in den sozialen Medien zusammen auch mit ihren Freunden teilzunehmen und unter Verwendung des „Hashtags“ #ReleaseBahai7Now ihren Beitrag zu der Aktion zu leisten.

Die Bahá’í-Gemeinde Deutschland wird darin fortfahren, bei allen denkbaren Gelegenheiten – auch auf der höchsten Ebene unseres Landes – auf die Lage der Freunde im Iran hinzuweisen und ihren unschätzbaren Beitrag zum Wohlergehen der ganzen Menschheit unterstützen.