Mullá Ḥusayn, der erste Buchstabe des Lebendigen (Jináb–i–Báb)

Loslösung – Gottvertrauen – Dienstbarkeit – unbezähmbarer Mut – unbändige Entschlossenheit

Mullá Ḥusayn, Sohn eines nicht ganz armen Färbers und einer sehr gebildeten Dichterin, wurde im Jahre 1813 in Bushrú‘í geboren. Er war ein sehr begabter junger Mann, der seine traditionelle theologische Ausbildung bereits mit 18 Jahren abgeschlossen hatte und mit Siyyid Káẓim in Kontakt stand.

Zu diesem Zeitpunkt verstarb sein Vater und er musste als Ältester von fünf Kindern für seine Familie sorgen. Die Familie folgte ihm nach Karbilá, Irak, wo damals die größten islamischen Theologen residierten und wo er die folgenden elf Jahre Schüler von Siyyid Káẓim war. Siyyid Káẓim setzte von Anfang an großes Vertrauen in Mullá Ḥusayn, den er bald bevollmächtigte, an seiner statt komplizierte Fragen von Suchenden zu beantworten.

Schließlich suchte Siyyid Káẓim einen geeigneten Gesandten, um in Iṣfáhán, wo die Shaykhí-Bewegung in großer Bedrängnis war, den führenden Theologen Siyyid Muḥammad Báqir von der Rechtmäßigkeit der Shaykhí-Bewegung zu überzeugen. Unter allen Schülern suchte er Mullá Ḥusayn aus und schickte ihn auf die lange Reise (1000 Meilen). Nach vielen Monaten der Reise betrat dieser das Anwesen des wohlhabenden Báqirs und seiner Elitestudenten und stand ihm ohne jegliche Vorbereitung noch in Reisekleidung Rede und Antwort. Im Laufe mehrerer Gespräche konnte er ihm alle seine Zweifel nehmen. Báqir bezeugte schriftlich die Größe der Shaykhí-Bewegung und blieb bis zu seinem Lebensende (vor 1844) ein treuer Anhänger der Bewegung.

Mullá Ḥusayn schickte das schriftliche Bekenntnis an den hocherfreuten Siyyid Káẓim. Insgesamt blieb Mullá Ḥusayn zwei Jahre im Auftrag von Siyyid Káẓim im Iran. Er unterrichtete ihn ständig über seine Aktivitäten und handelt nach Siyyid Káẓims Anweisungen. Obwohl sie sich nicht mehr persönlich trafen, blieb Mullá Ḥusayn, wie verschiedene Briefe von Siyyid Káẓim zeigen, sein engster Schüler.

Nachdem Mullá Ḥusayn schließlich alle Aufträge ausgeführt hatte, kehrte er zurück nach Karbilá, wo er bestürzt feststellen musste, dass Siyyid Káẓim inzwischen verstorben war. In den nächsten Tagen traf Mullá Ḥusayn mit den wichtigsten Schülern Siyyid Káẓims zusammen, um Informationen über dessen letzte Weisungen zu erhalten. Er war äußerst verwundert, als keiner der Schüler der letzten Aufforderung Siyyid Káẓims gefolgt war, nämlich die Stadt zu verlassen und nach dem Verheißenen zu suchen.

Den Rest der Geschichte kennen wir. Nach 40 Tagen des Fastens begibt sich Mullá Ḥusayn zusammen mit seinem Bruder und seinem Neffen auf die Reise. Vor den Toren der Stadt Shíráz trifft er einen jungen Mann mit grünem Turban. Warum er den Weg nach Shíráz wählte, ist nicht ganz klar. Eine Überlieferung sagt, dass am Tag seiner Abreise eine Frau Mullá Ḥusayn gebeten hat, ihr einen Traum zu deuten. Sie erzählte, dass sie im Traum einen Platz sah, wo eine Gruppe von Menschen stand, die gemeinsam äußerten, dass binnen kurzem die Sonne über Shíráz aufgehen würde.

Nach der Erklärung des Báb blieb Mullá Ḥusayn für 40 Tage der einzige Gläubige. Trotz all der Schwierigkeiten und Mühsal, die er in seinem Leben zu erdulden hatte, berichtete er selbst einem Freund: „Meine härteste Zeit waren diese 40 Tage, an denen ich der einzige Gläubige des Báb war und mir aufgetragen war, dieses Geheimnis für mich zu behalten und es mit niemandem teilen zu dürfen!“

Anders als bei Christus, der Seine Botschaft zunächst den einfachsten Leuten vermittelte (Petrus war ein Fischer, der noch nicht einmal den Kalender kannte und seine Fische in sieben Haufen teilte, um zu wissen, wann Sabbat war!), war der erste Anhänger des Báb der Gebildetste der Shaykhí-Schüler von Siyyid Káẓim. Er hatte mit seinen 31 Jahren bereits die größten Gelehrten des Iran argumentativ besiegt, um sich dann innerhalb von wenigen Minuten vollständig einem Jugendlichen zu unterwerfen, der theologisch ungebildet und sieben Jahre jünger war als er selbst!

Im Weiteren nimmt ‒ anders als von ihm erwartet ‒ der Báb nicht Mullá Ḥusayn mit auf Seine anschließende Pilgerreise, sondern Quddús. Mullá Ḥusayn schickt Er hingegen als Verkünder Seiner Sendung auf eine Lehrreise nach Iṣfáhán, Káshán, Qum, Ṭihrán und Mashhad. Der Báb hatte ihn dabei auf ein besonderes Geheimnis in Ṭihrán vorbereitet und es war dort, wo er das Vorrecht bekam, Bahá'u'lláh zu lehren! Allerdings traf er Ihn zu diesem Zeitpunkt nicht persönlich. Am Ende seiner Reise sollte er dem Báb einen Bericht schicken, was auch geschah.

Kleiner Exkurs zur Zeitberechnung: Der Weg von Shíráz über Ṭihrán nach Mashhad betrug über 1100 Meilen (1800 km); hinzu kommen weitere 1000 Meilen (1600 km): Der Transportweg des Briefes, den Mullá Ḥusayn von Mashhad aus schickte, nach dessen Erhalt der Báb Seine Pilgerfahrt antrat und sich Anfang Oktober 1844 in Búshihr auf einen Segler einschiffte. All dies ereignete sich in maximal 90 Tagen. Berechnet man die damals übliche Zeit fürs Reisen oder den Brieftransport, war dies nur möglich, wenn Mullá Ḥusayn auf seiner Reise wenig bis gar nicht bzw. auf seinem Reittier geschlafen hat!!

Mullá Ḥusayn hatte überall großen Erfolg. Als sein Bericht ankommt, ist es die Erklärung Bahá’u’lláhs, die überwältigende Freude beim Báb und bei Quddús auslöst, wie Augenzeugen später berichten. Der Báb hatte auf diese Nachricht gewartet und begab Sich erst dann auf Pilgerreise.

Auf seinen weiteren Reisen trifft Mullá Ḥusayn erstmals persönlich Bahá'u'lláh in Ṭihrán (von dieser Begegnung gibt es leider keinerlei Bericht) und dann auch Ṭáhirih in Qazvín, die sehr beeindruckt gewesen sein muss, denn sie preist anschließend in Briefen seine Größe. In Mázindarán entdeckt er, wie vom Báb vorausgesagt, einen besonderen, verborgenen Schatz: Quddús. Diesen hatte er zwar zuvor bereits getroffen, aber dessen Bedeutung wurde ihm erst dort klar. Quddús ist zehn Jahre jünger als Mullá Ḥusayn und behandelt diesen zunächst als einen großen Lehrer. Bis Mullá Ḥusayn einige Schriften von Quddús studiert und dessen wahre Größe erkennt. Seine Bewunderung und Hochachtung für Quddús ist so groß, dass er sich später ‒ tödlich verwundet ‒ auf seinem Sterbebett aufrichtet, als Quddús das Zelt betritt, und fragt, ob er zufrieden mit ihm sei.

Ergänzungen:
Mullá Ḥusayn als Krieger:

Er war Theologe, der Schilderung nach schwach und gebrechlich, hatte eine zitternde rechte Hand und litt sehr wahrscheinlich an Herzproblemen. Dennoch führte er – angetan mit dem Turban des Báb und mit gehisstem Schwarzen Banner ‒ die dann kommenden Schlachten um Shaykh Ṭabarsí an, schlug Baum und Mann mit einem Schlag seines Säbels durch und kannte auch im Kugelhagel der Feinde kein Zurück.

Mullá Ḥusayn und die Theologie:

Als Mullá Ḥusayn mit einem Freund an einer theologischen Schule vorbeigeht, sagt er:
„Never from this School has come learning - This House of ignorance is fit for burning.” *
Der Freund meint: „Aber wenn solche Schulen große Leute wie Dich hervorgebracht haben, sind sie dann nicht allen Lobes wert?“ „Nein! Diese Bildung hat mich dazu gebracht, mit meinem Herrn zu argumentieren!“

Zu seinem Namen:

Der Báb gab Mullá Ḥusayn verschiedene Namen. Der Báb nennt Sich Selbst nur im 1. Jahr Seiner Sendung „Báb“ und Mullá Ḥusayn „Bábu’l-Báb“; danach verleiht Er ihm aber den Titel „Báb“ und nennt sich „Siyyid-i-Dhikr“ (das Gedenken Gottes, remembrance of God). So kündigen in Shaykh Ṭabarsí die Bábí Mullá Ḥusayn an mit den Worten: „Jináb-i-Báb“ (das ist „Seine Ehren, der Báb“).

Stufen der Enthüllung der Rangstufe des Báb:

Laut Mehrabkhani war sie dreistufig: Zuerst nannte Er sich „Báb“, dann „das Gedenken Gottes“ und schließlich „der Verheißene Qá’im“. Letzteres bei der öffentlichen Anhörung von Theologen in Anwesenheit des Kronprinzen in Tabríz. Allerdings hat Er von Anfang an die drei Kriterien einer Manifestation erfüllt: Eigene Erklärung als Manifestation Gottes, das Offenbaren von Versen und die Verkündigung neuer Gesetze.


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* “Wissen kam von dieser Schule nimmer – dieses Haus der Dummheit taugt allein für’s Feuer.“
Quelle: Mehrabkhani, Ruhuʼllah. Mullá Husayn: Disciple at Dawn. Los Angeles/USA, 1987